Wolfgang Fräger
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Thomas Hengstenberg          Unna, den 09.03.2014


Einführung in die Ausstellung ars sacra mit 30 Blättern aus dem gleichnamigen Holzschnittzyklus von Wolfgang Fräger am 12. März 2014 in der Unnaer Stadtkirche

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
verehrte Angehörige der Familie Fräger,

der Bitte, diese Ausstellung zu eröffnen, bin ich gerne nachgekommen, denn Wolfgang Fräger zählt unter den Künstlerinnen und Künstlern, die dieser Lebensraum hervorgebracht hat, zu den Ausnahmepersönlichkeiten.

Er wurde 1923 in Bergkamen geboren und lebte ab 1947 bis zu seinem Tod im Jahr 1983 in Bönen. Wolfgang Fräger war also ein heimischer Künstler, als Sohn eines Bergmanns auf das Engste vertraut mit der alltagsprägenden Welt des Bergbaus, so wie es bis in die 1990er Jahre für viele Städte dieser Region typisch war.

Doch um dies gleich eingangs unmissverständlich klarzustellen, unsere ungeteilte Aufmerksamkeit verdient er nicht etwa, weil der Zufall es wollte, dass er in unserer Nähe gelebt und gewirkt hat, sondern weil er jene künstlerische Größe besaß, die die Voraussetzung ist, um Außergewöhnliches zu schaffen.

Nach zwei Lehrjahren im Bergbau folgte er im Jahr 1940 dem Wissen um sein Talent und immatrikulierte sich an der Werkkunstschule in Dortmund. Seiner Liebe zur Zeichnung, gepaart mit offenkundiger Konsequenz, aber sicher auch der Unterstützung durch seine Eltern, die seine künstlerischen Gaben erkannten und respektierten, ist es zu danken, dass er es wagte, diesen Schritt zu vollziehen, denn ein Wagnis war diese Entscheidung ganz sicher. Das gilt umso mehr für die Zeit, als die wirtschaftlichen Möglichkeiten seines Elternhauses sehr beschränkten waren.

1942 wurde er zum Wehrdienst einberufen und durch Krieg und Gefangenschaft für fünf lange Jahre aus der Normalität gerissen. Nach seiner Heimkehr im Jahr 1947 nahm er sein Studium wieder auf. Ein Stipendium, das ihm vor seiner Einberufung auf Grund seiner außergewöhnlichen, zeichnerischen Gaben zugesprochen wurde, hatte seine Gültigkeit über die Kriegsjahre behalten und erleichterte ihm diesen Schritt.

Doch wie waren die Bedingungen? Nach den welterschütternden Ereignissen der Jahre zwischen 1939 und 1945 hatte sich die Welt verändert. Nichts war mehr, wie zuvor. Das galt auch für die Kunst.

Ein Anknüpfen an Traditionen und Entwicklungen aus der Zeit vor 1933 war den Angehörigen der Generation Wolfgang Frägers nicht möglich. Zum Zeitpunkt der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten war er zehn, bei Ausbruch des Krieges im Jahr 1939 war er sechzehn Jahre alt. Mit neunzehn zu den Waffen gerufen, kehrte er erst zwei Jahre nach dem Kriegsende aus der Gefangenschaft in die Normalität zurück. An der Richtungsdiskussion der Kunst in den zurückliegenden Jahrzehnten war er also gänzlich unbeteiligt.

Seine künstlerische Entwicklung fiel damit in eine Zeit, in der der Expressionismus in Ermangelung einer einheitlichen Kunstentwicklung in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts noch einmal eine späte Phase und eine Renaissance erlebte.

Ganz sicher war es schwer, unter solchen Voraussetzungen die Orientierung zu behalten und zu einem eigenen Weg zu finden, aber möglicherweise es war auch eine Chance, sich nicht mit Traditionen auseinandersetzten und belasten zu müssen. Für Wolfgang Fräger wurde der Expressionismus zur Grundlage seiner künstlerischen Entwicklung, über die er zum Ende der 1950er Jahre zu seiner eigenen, unverwechselbaren Bild- und Formensprache fand.

Am Anfang seines Weges stand die Arbeit mit Stift, Zeichenkohle und Papier. Die Zeichnung war ihm in seinen Lehrjahren, während des Krieges und in der Gefangenschaft Zuflucht und ein wichtiges Medium seiner inneren Zwiesprache. Doch schon bald nach der Wiederaufnahme seines Studiums war ihm die Arbeit mit Zeichenstift und Papier nicht mehr Herausforderung genug. Sie wurde von der Druckgrafik verdrängt, die in ihren unterschiedlichen Techniken immer stärker in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit trat. Die Vielfalt der grafischen Techniken und die damit verbundenen Schwierigkeiten ihres Beherrschens wurden ihm ganz offensichtlich in gleichem Maße zur Herausforderung und zur Faszination.

Wohlwissend, dass es auf dem Terrain der Grafik keiner rhetorischen Fingerübung gelingen wird, aus einem unvollkommenen Druck ein Ereignis zu machen, arbeitete Wolfgang Fräger in nahezu allen Techniken. Ob Holzschnitt oder Radierung, Kupferstich oder Lithographie, Siebdruck oder die fast schon in Vergessenheit geratene Schabkunst, immer wieder stieß Wolfgang Fräger bis in die Grenzbereiche der technischen Möglichkeiten vor. Die Sicherheit, mit der er sich seiner Mittel zu bedienen vermochte, gestattete es ihm, sich mit spielerischer Leichtigkeit zwischen den unterschiedlichen Techniken zu bewegen und sie den jeweiligen Themen seiner Werke anzupassen.

Werfen wir noch einmal einen Blick auf die Zeit, in der Wolfgang Fräger aus Krieg und Gefangenschaft zurückkehrte, sein Studium wieder aufnahm, um schließlich als freischaffender Künstler zu arbeiten. Mag es eine Reaktion auf den Missbrauch der Künste durch die Nationalsozialisten gewesen sein, oder war es ein Akt der Befreiung und damit so etwas wie der Versuch eines Schlussstrichs unter ein Kapitel der Geschichte, das noch zu jung war, um schon verarbeitet zu sein, es bleibt eine Tatsache, dass man in de 50er Jahren gut daran tat, sich nicht mit dem Geist der Zeit anzulegen, wenn man als Künstler wahrgenommen und anerkannt werden wollte. Dieser Zeitgeist forderte schließlich geradezu ultimativ dazu auf, sich von Gegenstand und Figuration zu lösen.

Auch wenn die „documenta I“ im Jahr 1955 der figurativen Kunst und der Gegenständlichkeit noch einmal ein Forum geboten hat, bleibt es eine nicht zu bestreitende Tatsache, dass die privaten und öffentlichen Sammlungen sich nahezu geschlossen der Abstraktion und dem Informell zuwandten.

Wolfgang Fräger dürfte dies sehr wohl bewusst gewesen sein, doch ganz offensichtlich war er nicht bereit, sich um der Anerkennung Willen zu verstellen und in eine Bildsprache zu wechseln, die vermutlich niemals die Seine hätte werden können. Nach allem, was ich über ihn zu wissen glaube, wäre es für ihn wohl ein Verstoß gegen das Gebot der künstlerischen Aufrichtigkeit gewesen, sich dem Diktat des Kunsthandels zu unterwerfen.

Obwohl er vor allem bei den Holzschnitten der 60er Jahre in seiner abstrahierenden Darstellungsweise bis kurz vor die Auflösung des Bildthemas gegangen ist, so gab er den erkennbaren Bezug zum Gegenstand doch niemals auf. Verfremdung, Abstraktion und das Bekenntnis zu seiner subjektiven Sicht der Dinge waren für ihn die Voraussetzungen für die Darstellung einer Realität, die für ihn jenseits der Welt des Sichtbaren lag. Die Wirklichkeit war ihm wohl Impulsgeber, niemals jedoch eine Fessel.

Anders als bei vielen hat es bei ihm keine radikalen Richtungswechsel oder Brüche gegeben, sehr wohl aber gab es Entwicklungen, Reife- und Erkenntnisprozesse. Niemals hat er sich schriller Töne oder einer lauten Sprache bedient, auch wenn dies damals wie heute für viele Kunstschaffende zum dem Repertoire der Selbstdarstellung gehören mag, um die Erwartungen der Szene zu bedienen.

Sehr wohl aber konnte er deutlich, wo angebracht, kritisch oder auch voller Betroffenheit und Anteilnahme an dem Schicksal des leidenden Menschen sein. Die frühen, noch vom Krieg geprägten Motive zeigen das sehr deutlich. Und wenn er sich dann sperrig und kantig zeigte, dann war auch das nicht die wohlfeile Erfüllung der Erwartungen, die manche an die Rolle des Künstlers knüpfen mögen, sondern der Ausdruck seiner tiefen Besorgnis.

Besonders deutlich wird das bei den Arbeiten, bei denen er sich mit der Arbeitswelt der Bergleute befasste, oder auch bei seiner Auseinandersetzung mit den umweltzerstörenden Folgen der Wohlstands- und Konsumgesellschaft. Hier erleben wir nicht nur den betroffenen Menschen, sondern auch den Künstler, der mit geschärften Sinnen das Geschehen verfolgt, und der es vermag, Kritik, Humor und Ironie zu einer eindringlichen Mahnung und zu einem Aufruf zur Umkehr zu verschmelzen.

Lassen Sie uns zu den hier gezeigten Arbeiten kommen, doch gestatten Sie mir zuvor eine persönliche Bemerkung. Ich stehe den Künsten nahe, und ich bekenne mich zu meinem Christsein, doch ich bin kein Theologe. Der Versuch einer theologischen Interpretation der hier gezeigten Blätter steht mir also nicht zu.

Stattdessen hat sich der Hausherr die Mühe gemacht, den Bildern jene Bibeltexte zuzuordnen, auf die sich die Darstellungen beziehen. Die Betrachtenden haben also die Möglichkeit, sich eigene Wege des Zugangs und der Deutung zu erschließen.

Ich möchte mich daher auf eher formale Gesichtspunkte beschränken.
Die religiösen Themen mit Bezügen zum Evangelium, zu dem leidenden Menschen und zu seiner Erlösung sind in dem Gesamtwerk Wolfgang Frägers von zentraler Bedeutung. In einer zunehmend säkularisierten Zeit reiht sich der Künstler damit ein in die Jahrhunderte alte Tradition der sakralen Kunst. Dabei mag es ihn gereizt haben, die tradierten Inhalte in neue Formen der Darstellung zu gießen.

Der in dieser Ausstellung gezeigte Ausschnitt von 30 Arbeiten ist Teil des großen Zyklus ars sacra. Mit 90 Holzschnitten zur Passion Christi und zum Johannesevangelium aus den Jahren zwischen 1962 und 1966 zählt er zu den Höhepunkten in dem grafischen Gesamtwerk Wolfgang Frägers.

Anders als bei einem weiteren großen Werk, dem Zyklus zur Passion, verzichtet Wolfgang Fräger bei den hier gezeigten Blättern auf eine unmittelbare gegenständliche Form der Darstellung. Stattdessen wählt er den Weg einer eher symbolischen Erfassung von Szenen und Zitaten aus der Leidensgeschichte und aus der Offenbarung, bei der er die einzelnen Bildelemente zwar stark abstrahiert, aber nicht völlig auflöst. Die Figuren, ihre Gesten und einzelne Elemente ihrer Umgebung bleiben erkennbar.

Durch kantige, verkürzte Gestalten, Winkelbrechungen, eckige Gesten und Gebärden wird das Materielle in das Spirituelle übersetzt. Unter zurückhaltendem Einsatz von Farbe verliert der üblicherweise krasse Schwarz/Weiß-Kontrast des Holzschnitts seine Härte, so dass schließlich eine Farbkonstellation von außergewöhnlicher Delikatesse entsteht.

Und damit komme ich abschließend noch einmal zur Person Wolfgang Frägers. Er war ein experimentierfreudiger, bisweilen geradezu verspielter Künstler. Auch wenn der zweidimensionale Untergrund letztlich immer seine Basis blieb, wenn er hier seinen Empfindungswelten, seinen Gedanken und Gefühlen eine sichtbare Form geben konnte, drängte es ihn dazu, auch die dritte Demension des Raums zu erobern.

Ein eigenständiges bildhauerisches Werk mit Kleinplastiken und großen Arbeiten für den Freiraum, objektkastenartige Konstruktionen, in deren Innerem sich einzelne Elemente bewegen ließen, und sogar gelegentliche Ausflüge in die Welt des Kurzfilms zeigen einen Menschen, der sich ständig auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen befand und sich nicht damit zufriedengab, den Pfaden zu folgen, die er selbst ausgetreten hatte.

In seiner Vielfalt sucht das Lebenswerk Wolfgang Frägers seines Gleichen.
Spätexpressonistisch in seinem Ursprung, stark abstrahierend in den 60er Jahren und zunehmend realistisch in den 70er Jahren, hat Wolfgang Fräger Entwicklungsprozesse durchlaufen und sich der jeweiligen Sprache der Zeit bedient, ohne jedoch seine Eigenständigkeit jemals in Frage zu stellen

Fünfunddreißig Jahre - leider nicht mehr - waren ihm gegeben, um ein Werk zu schaffen, das von Schaffenskraft und Energie, von einer scheinbar unbezwingbaren Neugier, aber auch von dem Wissen um die Verantwortung des Einzelnen und von Betroffenheit geprägt war. Dabei war ihm die Rolle des Künstlers als heroischer Vorreiter auf dem Weg zur Rettung einer bedürftigen Menschheit gänzlich fremd. Er schuf seine Werke nicht als Lehrstücke, sondern als Schaustücke, deren Botschaften nicht nur spürbar, sondern auch benennbar waren, und genauso sollten wir sie auch betrachten. Ob Grafik, Zeichnung oder plastische Arbeit, Wolfgang Frägers Werk mag Aufruf gelegentlich auch Warnruf gewesen sein, niemals jedoch war es Agitation.

Um die Bedeutung des soeben noch über die Kunst gesprochenen Wortes zu relativieren, meine verehrten Damen und Herren, möchte ich mich mit einem Zitat Max Beckmanns von Ihnen verabschieden. Er sagte: „Im Grunde ist über Kunst genug geredet, (…). Trotzdem werden wir weiter reden und weiter malen, musizieren, uns langweilen und uns aufregen (…) solange die Kraft der Phantasie und der Imagination ausreicht. Imagination - vielleicht die göttlichste Eigenschaft des Menschen.“ (Kunst des 20. Jahrhunderts, Bd. I. S. 195)

Mit der Hoffnung, Sie weder gelangweilt noch aufgeregt zu haben, verbinde ich den Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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